Wie lebt es sich mit einem Hund wie Wicker?
Wie lebt es sich mit einem Hund, der nicht wie ein normaler Hund aussieht – dem man aber ansieht, dass ihn das Leben gezeichnet hat, zumindest im Moment?

Ein paar Blitzlichter aus den letzten Wochen dazu: Gleich am dritten Tag nach seiner Ankunft nehme ich Wicker zur Mantrailing-Stunde in der Hundeschule mit. Ich habe schon im Vorweg die Gruppenleitung darüber informiert, dass dieser Hund bei uns wohnen wird, auch der Schulleitung gegenüber habe ich es erwähnt. Da es in unserer Gruppe eine Zeitlang einen Hund gab, der ebenfalls Leishmaniose hatte, allerdings nicht äußerlich sichtbar, habe ich die Teilnahme von Wicker für unproblematisch gehalten, und Wicker war an dem Tag gut drauf.

Meine Gruppenkameraden reagieren auf Wicker freundlich, neugierig und natürlich auch mit Fragen, die ich so gut, wie ich kann, beantworte. Doch dann stößt der letzte aus der Gruppe zu uns. Er bekommt beim Aussteigen aus dem Auto nur einen Teil der Unterhaltung mit, sieht Wicker und reagiert hysterisch. Am Ende seines Ausbruchs ist klar: Nur einer von uns kann bleiben.

Verunsicherung unter meinen Gruppenkameraden macht sich breit, ich fühle mich an die Wand gestellt und schalte schlagartig in den Verteidigungsmodus um. An dem Tag verlassen wir die Gruppe und nehmen nicht teil, aber das Ganze hat ein Nachspiel. Nicht nur, dass ich wieder zuhause angekommen, die sachlichen Informationen an allen mir verfügbaren Stellen abfrage, um beim nächsten Mal argumentieren zu können. Wichtiger und erschreckender finde ich die emotionale Seite des Vorfalls. Sehr offensichtlich löst ein Hund wie Wicker im Extremfall nicht nur Fragen, sondern Abwehr und Angst aus. Wir sind es nicht mehr gewohnt, Hunden zu begegnen, die so offensichtlich krank aussehen. Unsere Hunde sind gehegt und gepflegt, ein Verband oder ein Kragen wird toleriert, denn da ist ja sichtbar, dass Abhilfe wogegen auch immer geschaffen wird. Ein Hund wie Wicker wirft bewusst und unbewusst viele Fragen auf – und zu allererst die, warum er so aussieht, und ob es ansteckend ist.

Dieses Tier führt uns vor Augen, dass eben nicht alles beherrschbar ist, dass es Mühe kostet, viel Geduld und auch manchen Rückschlag, um herauszufinden, welches Kraut gegen sein Kranksein gewachsen ist. Zum Glück überwiegt bei den meisten, die uns begegnen, die Neugier und das Mitfühlen. Meine Hundeschulgruppe freut sich inzwischen von Woche zu Woche, wenn beim Ziegenbärtchen unter Wickers Kinn wieder mehr Haare zu sehen sind oder die Pfoten mehr bepelzt aussehen. Zweitklässler, die ihm vor ein paar Wochen begegnen, nehmen zur Kenntnis, dass er krank ist, verwöhnen ihn ganz unbedarft mit jede Menge Streicheleinheiten – und Wicker schließt die Augen und genießt. Bei solchen Gelegenheiten beobachte ich und registriere: Hund ist freundlich mit Kindern, und auch ein Bad in der Menge zweier Schulklassen macht ihm nichts aus.  Die Erwachsenen, die Wicker zum ersten mal begegnen, stellen viele Fragen. Und ich höre viel Ermutigung dafür, solchem Tier eine Chance zu geben. Inzwischen habe ich mir angewöhnt, früh und ausführlich zu erklären. Denn Aufklärung tut not. Solange Wicker so aussieht wie im Moment, ist es nicht selbstverständlich, einen solchen Hund zu halten.

Wenn montags die Schranktür mit den Leinen dahinter quietscht und ich die Geschirre und Schleppleinen zutage fördere, dann gehen inzwischen meine beiden Hunde in Erwartungshaltung. Natürlich haben sie längst registriert, dass ich Käse in Würfel geschnitten habe, die Wasserflasche und den Napf eingepackt habe und für den Fall der Fälle auch noch eine Tüte „normaler“ Leckerli. Wir fahren zum Trailen mit unserer Hundeschulgruppe, und Hund trifft da seine KollegInnen. Alle Herrchen und Frauchen haben sich in den letzten Wochen darauf eingestellt, dass Wicker nicht alle Leckerlis haben darf. Und zur Freude aller ist reichlich Ziegenkäse oder Ähnliches in den Taschen dabei.

Wicker, möchtest Du ein Findehund sein?“
Startsignal, Leine vom Halsband ins Geschirr umhaken, Probe erschnüffeln, und los geht es, und zwar mit Tempo (je nach Tagesform). Nur in der ersten Stunde hat Wicker sich zurückgehalten. Seit der zweiten Stunde weiß er genau, was seine Aufgabe ist. Und er stürmt auch völlig ohne Vorbehalte auf die zu Suchenden zu, um sich seine Belohnung abzuholen. Wenn Wicker gut drauf ist, dann will er nicht geschont werden. Dann spürt seine Nase allerlei Interessantes auf, und auch einem Abenteuer oder Neuem gegenüber ist er nicht abgeneigt.

Wichtig ist aber, dass er seine Menschen hat. Meine Nachbarin war dabei, als wir Wicker vom Transport abgeholt haben. Wenn sie in den ersten Tagen nach der Ankunft am Gartenzaun erschienen ist, war die Freude auf Wickers Seite unverkennbar. Selbstverständlich wird sie nach wie vor schwanzwedelnd und schnauzenstupsend am Zaun begrüßt. Und ebenso selbstverständlich müssen wir, wenn sie vor ihrem Haus sitzt und wir beim Spaziergang dort vorbeikommen, einen Abstecher machen. Für Wicker hat sie ohne Frage Anteil daran, dass seine Welt in Ordnung ist.

Und dann sind da noch die anderen.
Wicker hat in den letzten Wochen gelernt, zu unterscheiden. Er unterscheidet z.B. die Katzen. Da gibt es die, die hier mit ihm wohnen. Die hat er zur Kenntnis genommen, und er bemerkt auch, dass zwei bis drei sich recht unerschrocken mal zu ihm ins Körbchen legen. Einmal hat er den Versuch gemacht, sein Körbchen gegen die kätzische Vereinnahmung zu verteidigen. Inzwischen brummt er nur noch. Und an einem der letzten Tage, als es ihm nicht so gut ging, da war es ihm anscheinend sogar ganz recht, Gesellschaft zu haben. Er unterscheidet auch die Hühner. Hund könnte sie fressen, aber er hat nie auch nur den kleinsten Versuch dazu unternommen. Die Hühner im Gehege gehören zum Rudel, daher werden sie in Ruhe gelassen. Als ich allerdings eines Abends die Hunde bei den Hühnern im Gehege „geparkt“ hatte und auf der anderen Seite des Zauns beim Birnensammeln war, da konnte ich Wicker auf den ersten und auch auf den zweiten Kontrollblick nicht wiederfinden und wollte schon einen Schreck kriegen. Dann fand ich ihn: er war damit beschäftigt, die Maschen eines Viehsteckzauns (aus Kunststoffaden) zu durchbeißen und hatte es auch fast geschafft. Anscheinend hatte er keine Lust, den Hühnern Gesellschaft zu leisten, und wollte mir lieber beim Birnensammeln helfen… Und dann unterscheidet Wicker noch Schafe und Eichhörnchen. Die Schafe auf dem Deich, das hat er begriffen, gehören nicht zu unserem Rudel. Dementsprechend erwacht auch bei jedem Spaziergang neu das Interesse an ihnen. Ein echtes Ärgernis allerdings sind die Eichhörnchen. Sie springen zu mehreren auf unserem Hof hin und her, sie gehören nicht zu unserem Rudel, und die Manier, wie sie sich aufführen, ist einfach nur frech. Warum ich die Jagd auf die Tierchen unterbinde, will Wicker nicht in den Kopf. Ebenso wenig versteht er auch, warum ich seiner Leidenschaft für Mülltonnen und gelbe Säcke nicht nur nichts abgewinnen kann, sondern sogar ausgesprochen unentspannt reagiere…

Anfang der vergangenen Woche rief mich die Leiterin unseres Altenheims an, um mich zur Erntedankfeier dazuzubitten. Wir kamen ins Gespräch, denn meine Besuche zu diesem Anlass hatten in den letzten Jahren immer mit Hund stattgefunden. Ich erzählte von meinen beiden jetzigen Hunden: die eine noch nicht geeignet, weil noch zu leicht zu verunsichern, und der andere sieht eben nicht aus wie ein normaler Hund, wenn auch von freundlichem und zugänglichem Wesen. Am Ende des Gesprächs einigten wir uns darauf, dass Wicker versuchsweise mitkommen sollte. Und so geschah es. Natürlich war Wicker aufgeregt – so viele Menschen, so viele Gerüche und  fremde Geräusche. Aber seine Verunsicherung hielt nur eine Ansprache lang an. Als wir uns zum Frühstück setzten, machte er sich unter den Tischen auf den Weg zu den Heimbewohnern und holte sich bei dem einen und der anderen seine Streicheleinheiten ab. Seine haarlosen Stellen waren Anlass für manche Fragen, aber ansonsten begegneten er und die Heimbewohner sich ganz unbefangen. Frau S., die selbst früher einen Hund besessen hatte, hatte für einen stillen Moment ihre Hand auf Wickers Kopf. Sie kann nichts mehr sehen, aber fühlen umso mehr, so sehr, dass ihr die Tränen kamen. Für die Altenheimbewohner ist selbstverständlich, dass Wicker wieder dabei ist, wenn ich dem Altenheim das nächste Mal einen Besuch abstatte. Und als ich gehe, denke ich: Auch das kann er. Viele Menschen verunsichern ihn nicht, auch nicht, dass ihn mancher anfassen und berühren möchte. Er braucht nur ein paar Minuten zur Orientierung. Wie bemerkenswert bei dem, was er durchgemacht haben muss.

Und wie geht es Wicker?
Das ist eine Frage der Perspektive. Aus medizinischer und pflegerischer Sicht: -auf und ab. Gerade haben wir zum zweiten Mal 10 Tage hinter uns, in denen seine Haut aufgeplatzt war, geblutet und genässt hat, dann große und dicke Krusten gebildet hat, die wohl auch gejuckt und geschmerzt haben. Jetzt sind die Wunden gerade wieder abgeheilt, aber es könnte sein, dass das nicht die letzte derartige Episode war. Die Haut ist immer noch papierdünn. Und wenn Wicker sich scheuert, um das Jucken loszuwerden, dann haben wir auch meistens gleich wieder neue Schürfwunden. Die Glucantime-Therapie hat er mit dem heutigen Tag hinter sich – fürs Erste. Abzuwarten bleiben die Ergebnisse des Reiseprofils auf Mittelmeerkrankheiten und die Blutanalysen, und die stehen demnächst an. Während des letzten Schubs war er im Temperament deutlich reduziert. Allerdings ist die medizinische Perspektive nur ein Teil der Antwort.

Der andere Teil der Antwort: seine Welt ist im Moment in Ordnung. Er hat zwei Körbchen, er hat ein Rudel, er bekommt so zu fressen, dass Hund schon wählerisch wird. Dass Wicker sich nicht jeden Tag gleich wohl in seiner Haut fühlt, damit kann er im Moment wohl leben – auch wenn uns natürlich daran gelegen ist, Abhilfe zu schaffen.

12.10.2021       Gritta Koetzold (Pflegestelle)


Wicker sucht weiterhin ein festes Zuhause und wir freuen uns auch über finanzielle Unterstützung!

Hilfe für Wicker!

Der aus Spanien stammende Wicker befindet sich auf einer Pflegestelle in Norddeutschland. Leider geht es ihm gesundheitlich schlecht, er braucht intensive medizinische Behandlung und auch Spezialfutter. Wicker hat Leishmaniose, zusätzlich eine Autoimunerkrankung, die dazu beiträgt, dass sein Fell kaum noch vorhanden und die Haut trocken und rissig ist. Die Behandlungen sind teuer und wir sind auf Hilfe angewiesen, um Wicker die Chance auf ein unbeschwertes Leben zu geben. Wenn Sie Wicker unterstützen möchten, können Sie dies gerne in Form einer Patenschaft oder Einmalspende tun.

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